Dokumentenbestand

    Der Sammelbegriff „lebensgeschichtliche Aufzeichnungen“ schließt grundsätzlich eine Vielzahl an auto/biographischen Textsorten ein. Der Schwerpunkt liegt auf eigenhändig verfassten schriftlichen Lebenserinnerungen, die meist im fortgeschrittenen Alter aus einem Bedürfnis der persönlichen Lebensbilanzierung oder der familiären und gesellschaftlichen Überlieferung heraus niedergeschrieben werden. Eine zweites bevorzugtes Sammelobjekt sind Erinnerungstexte, die auf themenbezogene Schreibaufrufe hin verfasst wurden.

    Die Textsammlung umfasst Anfang 2015 schriftliche Lebensaufzeichnungen von rund 3.600 Personen und in Summe mehr als 12.000 Einzelmanuskripte. Eine parallel dazu angelegte Fotosammlung enthält etwa 5.000, mehrheitlich digital erfasste Bilder, die großteils in Zusammenhang mit dokumentierten Lebensgeschichten stehen.

    Die Gliederung der Sammlung in fünf Teilbestände orientiert sich im Wesentlichen an unterschiedlichen Dokumenttypen bzw. Textsorten.

    Auf einer zweiten Dimension bilden Unterschiede in der Beschaffenheit vorliegender Textfassungen die Grundlage für eine Differenzierung in mehrere Dokumentformate.

Allgemeiner Überblick

Die ältesten Manuskripte reichen bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück und haben häufig stärker chronikalischen als autobiographischen Charakter. Rund 350 Schreiber/innen wurden vor 1900 geboren, der Schwerpunkt der Materialien liegt jedoch auf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, d.h. auf Lebensaufzeichnungen von Angehörigen der Geburtsjahrgänge zwischen etwa 1900 und 1930, die seit Beginn der Sammeltätigkeit in der ersten Hälfte der 1980er Jahre noch direkt angesprochen werden konnten. Da die Lebensphasen der Kindheit und Jugend in popularen Autobiographien gewöhnlich am ausführlichsten erinnert werden, stellt der Zeitraum zwischen 1900 und 1950 den bis dato am dichtesten dokumentierten historischen Zeitabschnitt dar.

Seit den Anfängen ist es ein Anliegen der Dokumentationsstelle, dass auch Menschen mit geringer Schreibpraxis zur Aufzeichnung ihrer Lebenserinnerungen angeregt werden und dass die Lebenswelten sozial benachteiligter sowie in der Öffentlichkeit wenig beachteter Gruppen der Gesellschaft in der Sammlung relativ besser repräsentiert sind.

Ungeachtet dessen streut die soziale Herkunft der Schreibenden über alle Bevölkerungsschichten. Ländlich geprägte Lebensgeschichten überwiegen in Zahl und Umfang tendenziell solche mit städtischem Hintergrund. Frauen sind etwa im Verhältnis 3:2 stärker vertreten als Männer.

Der Großteil der Schreiber/innen wurde im Raum des heutigen Österreich, ein kleinerer Teil in angrenzenden deutschsprachigen Ländern geboren. Bemerkenswert ist auch der Anteil an Lebenserzählungen, die sich auf verschiedene Zuzugsgebiete in Kronländern der Österreichisch-ungarischen Monarchie (vor allem Böhmen, Mähren, Schlesien und Galizien) oder auf ehemals deutschsprachige Regionen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa (v.a. Randgebiete der Tschechischen Republik, Schlesien, Batschka, Banat und Siebenbürgen) beziehen.

Gliederung des Materialbestandes:

    Bestand A: Autobiographische Texte (im engeren Sinn),
also umfassendere lebensgeschichtliche Darstellungen, in denen ein/e Schreiber/in retrospektiv, aus der persönlichen Erinnerung heraus, wesentliche Teile der eigenen Biographie erzählend wiedergibt.

    Bestand B: Persönliche Erinnerungstexte,
das sind im Allgemeinen kürzere, auf bestimmte lebensgeschichtliche Aspekte oder Themen fokussierte Texte. Meist sind diese Texte in unmittelbarem Zusammenhang mit Schreibaufrufen der „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ oder vergleichbaren Aktionen anderer Einrichtungen entstanden.

    Bestand C: Verwandte Textsorten,
vor allem solche, die sich weniger durch eine retrospektive als durch eine „ereignisnahe“ Darstellung von Selbsterlebtem auszeichnen (wie Tagebücher, Briefsammlungen, Anschreibebücher, Chroniken und Ähnliche)

    Bestand D: Kriegsbezogene Aufzeichnungen
umfasst unterschiedliche Textsorten (Kriegserinnerungen, Tagebücher, Feldpostbriefe), die sich ausschließlich oder weitgehend nur mit den Erfahrungen von Militär- und Kriegsdienst sowie Kriegsgefangenschaft, vor allem im Verlauf der beiden Weltkriege, beschäftigen.

    Bestand E: Fotografische Dokumente
Erinnerung rekonstruiert sich mit Verbreitung der Privatfotografie im Lauf des 20. Jahrhunderts immer stärker anhand von Bildern. Dementsprechend kommt Fotografien in Zusammenhang mit retrospektiven Erinnerungstexten mehr als nur eine illustrierende Funktion zu.

In Bezug auf die Sammlung, Aufbewahrung und Auswertung vor allem von heterogenen Textbeständen oder ganzen Nachlässen besteht eine enge Kooperation mit der Sammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte der Universität Wien.